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Steffen Dittes

Zur Inzidenz und Risikobetrachtung als Entscheidungsgrundlagen

Seit fast 20 Monaten begleitet uns der tägliche Blick auf die Inzidenzwerte, bundesweit, landesweit und lokal, und bestimmt unseren Blick auf die pandemische Situation. Die Inzidenz gibt an, wie viele von 100.000 Menschen innerhalb der letzten sieben Tage positiv auf das Corona-Virus getestet wurden. Es ist also ein statistischer Wert. Immer wieder wurde in dieser Zeit die Frage gestellt, welche Aussagekraft die Inzidenz allein hat. Bereits im Jahr 2020 stellte das Robert-Koch-Institut dem Inzidenzwert den sogenannten R-Wert zur Seite. Unter dem "R‑Wert" wird die "Reproduktionszahl" verstanden. Ist dieser größer 1, steckt ein Infizierter mehr als eine weitere Person an, der Virus breitet sich also dynamisch aus und die Pandemie gewinnt an Ausmaß. Ist der R-Wert kleiner als 1, steckt ein Infizierter durchschnittlich weniger als eine weitere Person an, die Verbreitung des Virus verringert sich. Mit den Mutationen des Corona-Virus wurde aber auch sehr schnell deutlich, dass diese unterschiedliche Wirkungen haben. So ist das Verhältnis der Erkrankungen zu den Infektionen bei der Delta-Variante ein deutlich anderes als bei der Ursprungsvariante, die der Welt im ersten Halbjahr 2020 noch den Atem stocken ließ. Dieses verändert sich nochmal mit einer ansteigenden Impfquote. Trotz dieses Wissens orientierten sich politische Entscheidungen für oder gegen grundrechtsbeschränkende Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit lange Zeit nur an reinen Inzidenzwerten. Die qualitativen Veränderungen der Pandemie wurden lediglich sichtbar an scheinbar willkürlich festgesetzten Schwellenwerten, ob nun 10, 35, 50 oder 100. Erst im Sommer 2021 wurden der Inzidenzwert um die Werte der Hospitalisierung (Krankenhauseinweisungen je 100.000 Einwohner) sowie der Auslastung der Intensivmedizin ergänzt. So treten in Thüringen die drei Warnstufen immer dann in Kraft, wenn zwei der insgesamt drei Werte bestimmte Schwellenwerte überschritten haben (1). An diese Warnstufen sind bestimmte Schutzmaßnahmen geknüpft, so zum Beispiel auch Test- und Maskenpflicht in unterschiedlicher Ausprägung an den Thüringer Schulen (2). Das führt u.a. auch dazu, dass entgegen der oftmals verbreiteten Auffassung, dass an Thüringer Schulen nicht getestet werden würde, in der Woche vom 4.10 bis 10.10. an 720 Thüringer Schulen insgesamt 122.504 Schüler:innen-Tests durchgeführt wurden und dabei 356 (0,29%) positiv ausfielen. Von 254 Schulen wurden keine Daten gemeldet.

In der aktuellen Diskussion über die Teststrategie an Thüringer Schulen rückt der Inzidenzwert wiederum in den Vordergrund. Vielfach wird dabei auf den überdurchschnittlich hohen Inzidenzwert in der Altersgruppe der 6 - 18-jährigen hingewiesen. In der Diskussion wird auf die geringe Aussagekraft der Inzidenz und die statistisch hohe Wirkung einzelner Ausbruchsereignisse und eine daraus abgeleitete geringe Vergleichskraft verwiesen. Was ist damit gemeint?

Eine vergleichende Betrachtung der Stadt Erfurt mit rund 215.000 Einwohner:innen und des Landkreises Hildburghausen mit 62.000 Einwohner:innen macht es deutlich: Bei einer angenommenen Infektion von jeweils 20 Menschen innerhalb von sieben Tagen ergibt sich also für Erfurt eine Inzidenz von 9,3 und für Hildburghausen von 31,7. Dieser Unterschied in der Inzidenz rechtfertigt gegebenenfalls in Hildburghausen sehr viel einschneidendere Maßnahmen als in Erfurt. Die Begründetheit scheint sich abzuleiten aus dem relativen Anteil der Infizierten an der jeweiligen Bezugsgruppe. Über die tatsächliche qualitative Infektionsgefahr trifft dieser Wert allenfalls eine orientierende Aussage. So kann aufgrund der Bevölkerungsdichte, dem Ballungscharakter in der Innenstadt (der Anger in Erfurt ist der am meist frequentierteste Ort in Thüringen), der Tatsache von fast 50.000 Einpendler:innen zur Beschäftigung jeden Tag in die Landeshauptstadt zuzüglich der täglich tausenden Tourist:innen und Besucher:innen von Kneipen und Restaurants aus dem Umland die Infektionsgefahr dennoch ungleich höher sein als im Landkreis Hildburghausen. Nimmt man dann sogar an, dass die 20 Infektionen in Erfurt bei Menschen festgestellt wurden, die in keinerlei Kontaktbeziehung zueinander standen, während im Landkreis Hildburghausen die Infektionen auf eine Familienfeier oder sogar auf eine Pflegeeinrichtung zurückzuführen sind, wird sehr schnell deutlich: Der statistische Wert der Inzidenz bringt zwar zum Ausdruck, wie viele Menschen sich relativ zur Bevölkerung infiziert haben und ist deshalb ein nicht außer Acht zu lassender Indikator. Eine wirkliche Aussagekraft über die Qualität der pandemischen Situation und die daraus erwachsenden Gefahren verfügt er allein nicht.

Dies trifft natürlich auch dann zu, wenn statt lokaler Bezugsgrößen andere Kriterien, wie beispielsweise Altersgruppen, angewendet werden. Es gilt, je kleiner die Bezugsgruppe, umso größer die Wirkung eines jeden einzelnen Infektionsfalls auf die Inzidenz. Oder anders, wird die Bezugsgruppe verkleinert, nähert sich die Inzidenz bei einem einzigen Fall exponentiell immer dem Höchstwert von 100.000 an. Vergleicht man dann noch Inzidenzen in sich unterscheidenden Gruppen miteinander, wie zum Beispiel eine bestimmte Altersgruppe mit der Gesamtbevölkerung, geht die qualitative Aussagekraft über die pandemische Situation der Werte noch weiter verloren. So unterscheiden sich Altersgruppen hinsichtlich ihrer Mobilität, der Anzahl ihrer Sozialkontakte und auch ihres Sozialverhaltens ganz erheblich (3). Alles Faktoren, die das Infektionsgeschehen ganz erheblich beeinflussen. Oder mit anderen Worten: unterschiedliche Altersgruppen sind aufgrund einer in diesen Altersgruppen vorzufindenden Lebensweise unterschiedlich betroffen, nicht aber aufgrund ihres Alters. Dazu gehört auch, dass die Impfquote in den Altersgruppen auch unterschiedlich hoch ist, eine Folge zum Teil der gesellschaftlichen Debatte, letztlich aber Ausdruck und Ergebnis individueller Entscheidungen, bei minderjährigen zumeist die der Eltern.

Nun mag eingewendet werden, dass auch diese statistischen Betrachtungen und qualitativen Bewertungen nichts über das individuelle Risiko insbesondere bei Schüler:innen aussagt, weil diese sich ja in der Schule begegnen und die Inzidenz ja geradezu aufzeigt, wie hoch der Anteil der potentiellen Überträger:innen im unmittelbaren Lebensumfeld ist. Und genau bei der Frage des Risikos endet auch die Aussagekraft der Inzidenz, da sich das tatsächliche Risiko für die Gesundheit und das Leben nicht an der Inzidenz festmachen lässt. Die oben geschilderte Unzulänglichkeit einer vergleichenden Betrachtung von Inzidenzen zur qualitativen Risikoeinschätzung gilt einerseits auch bei der Inzidenz einer Altersgruppe. So bleibt insbesondere die Frage der Infektionswege bei einer auf Altersgruppen beschränkten Betrachtung vollkommen unbeantwortet. Woher haben Kinder und Jugendliche den Virus und an wen geben sie diesen weiter? Viele wissenschaftliche Beiträge gehen derzeit davon aus, dass zwar eine Infektionsweitergabe an Schulen unter Schüler:innen erfolgen kann, diese aber nicht der „Motor der Pandemie“ sind. Viel deutlicher tritt hier andererseits aber zu Tage, dass für die Bewertung des tatsächlichen individuellen Risikos die Gefahr tatsächlicher Erkrankung mit in den Blick zu nehmen ist. Natürlich ist Voraussetzung für jede Corona-Erkrankung eine entsprechende Infektion mit dem Corona-Virus. Insofern ist auch eine Strategie, die versucht, jede Infektion zu vermeiden, eine in der Theorie auch geeignete Strategie, jede Erkrankung zu vermeiden. Nur die Realität ist eine andere. Einerseits steht eine solche Strategie in die Tat umzusetzen außerhalb jeden verantwortbaren Verhältnisses: politisch, sozial, kulturelle, psychologisch und auch ökonomisch. Eine solche Strategie hat sich aber auch – das zeigen Erfahrungen aus anderen Ländern – als wirkungslos erwiesen. Fest steht, dass Kinder und Jugendliche obwohl überdurchschnittlich von Infektionen betroffen, unterdurchschnittlich von Erkrankungen und noch weniger von schweren Erkrankungen und Hospitalisierungen betroffen sind, diese aber natürlich auch nicht vollkommen ausgeschlossen sind. Um es in Zahlen konkret zu benennen: Am 6. Oktober 2021 wurden bundesweit 11 Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre intensivmedizinisch betreut, davon wurden zwei Kinder beatmet.

Neben der Inzidenz als wichtigen Indikator für die Verbreitung des Virus ist es m.E. richtig, bei der Festlegung von in jedem Fall, aber in unterschiedlichem Maße beschränkenden Schutzmaßnahmen die tatsächlichen gesundheitlichen Risiken für jede und jeden von uns sowie die Belastung des Gesundheitssystems und daraus möglicherweise erwachsende Folgen für die Gesundheit auch nicht an Corona erkrankten Menschen mit in die Entscheidungen einzubeziehen. Gleichwohl stützen sich die derzeit gewählten und geltenden Schwellenwerte nicht auf einen Pool jahrelanger Erfahrungen mit Corona, sondern haben als Grundlage nur einen zeitlich sehr eingeschränkten Erfahrungs- und Datenhintergrund. Hierbei sind insbesondere auch Nachwirkungen oder Langzeitfolgen von Infektionen und Erkrankungen zu zählen. Der Versuch einer objektiven Analyse des vorhandenen Datenmaterials und der wissenschaftlichen Bewertung dieser muss der politischen Entscheidung über schutzbietende aber auch rechtsbeschränkende Maßnahmen zugrunde liegen und bedarf noch höherer Sensibilität, wenn sowohl Schutz als auch Beschränkungen Kinder treffen. Es ist aber auch zu respektieren, dass gerade individuell die Sorge und die Angst vor einer Infektion und auch Erkrankung überwiegt. Denn trotz einer versucht nüchternen Risikobetrachtung ist das Risiko für jeden von uns, ob jung oder alt, geimpft oder nicht, vorerkrankt oder bislang gesund, ganz sicher nicht Null.

 


(1) https://www.tmasgff.de/fruehwarnsystem

(2) https://bildung.thueringen.de/fileadmin/2021/2021-09-30_TMBJS-Allgemeinverfuegung_Kita-Schule-Jugendhilfe-Sport.pdf

(3) Eine vergleichbare Schieflage der Diskussion erleben wir bspw. auch bei der Frage der Kriminalität von Deutschen und Geflüchteten. Hier wird eine Gruppe von überwiegend 18- bis 30-jährigen Männern mit dem Durchschnitt der deutschen Gesamtbevölkerung verglichen. Würde man die Kriminalitätsneigung von deutschen und geflüchteten Männern derselben Altersgruppe vergleichen und dabei sogar noch die sozialen, die durch die Gesellschaft gegebenen und die Kriminalität gegebenenfalls befördernden Lebensumstände berücksichtigen, wäre die Debatte um die sogenannte „Ausländerkriminalität“ schnell beendet.

 


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